Herr Vokrri, in den achtziger und neunziger Jahren spielten Sie für den FC Pristina, Partizan Belgrad, Nimes Olympique und Fenerbahce Istanbul. Wenn Sie zurückblicken, welche Station war die wichtigste?
Jeder der Clubs war sehr wichtig für mich, doch in Pristina begann alles.
Sie haben als Kapitän die goldene Generation des Vereins mitgeprägt. Wird es irgendwann eine neue goldene Periode geben?
Das hoffe ich. Wir tun alles dafür, die Isolation des kosovarischen Verbandes zu beenden. Solange sie besteht, haben die Vereine zu wenig Geld, um einen Sprung nach vorne zu machen. Doch wir werden weiter daran arbeiten, die alten Zeiten des FC Pristina wieder aufleben zu lassen.
Als Spieler wurden Sie oft mit Diego Maradona verglichen.
Ich glaube, Gerd Müller würde eher passen. Aber mit Diego Maradona verglichen zu werden ist natürlich eine Ehre. Doch bitte nur mit dem Fußballer Maradona.
Zurzeit könnte man sie mit Franz Beckenbauer vergleichen. Als Funktionär holte er die Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland und sorgte damit für ein deutsches Sommermärchen. Ihre Mission ist es, dass der Kosovo Teil des europäischen Fußballs wird. Werden Sie so erfolgreich sein wie Beckenbauer?
Wir haben alles gemacht, was im Moment möglich ist. Wir haben die Liga in das internationale Transfersystem integriert und hatten gerade unser erstes Freundschaftsspiel. Erfolgreich sind wir aber erst, wenn der Verband Mitglied von UEFA und FIFA ist. Doch das liegt leider nicht in unserer Hand.
In Artikel 5 der UEFA-Statuten heißt es: „Mitglieder der UEFA können europäische Verbände werden, die in einem Land, das ein von der UNO anerkannter, unabhängiger Staat ist, ihren Sitz haben...“ Wie realistisch ist es, dass der Kosovo in den nächsten Jahren UNO-Mitglied wird? Russland und China können im Sicherheitsrat ihr Veto einlegen.
Das ist das Problem: Es geht hier leider um Politik, da können wir als Verband nichts machen. Unser Fußball ist seit 15 Jahren isoliert wegen dieses Artikels, wir hoffen, dass sich das in den nächsten Jahren ändert. Wenn der Kosovo von zwei Dritteln der Mitglieder der Vereinten Nationen anerkannt wird, können wir UNO-Mitglied werden. Zurzeit erkennen uns 106 der 193 UNO-Mitglieder an, 128 müssen es sein, um ein Veto von Russland und vielleicht China zu umgehen. Aber: Wenn Serbien Mitglied der EU werden will, muss es die Beziehungen zum Kosovo normalisieren. Vielleicht ändern dann auch die Russen ihre Haltung.
Wenn Sie UNO-Mitglied werden, liegt es in der Hand von UEFA-Präsident Michel Platini. An der Wand hängt ein Bild, das Sie zusammen mit ihm zeigt. Seine Haltung ist reserviert, er verschränkt die Arme...
Platini kann sich nicht über Artikel 5 hinwegsetzen, man kann ihm da keine Vorwürfe machen. Aber er hat nicht allzu viel guten Willen gezeigt.
Er gilt nicht als Freund des Kosovo.
Das stimmt allerdings. Er wird von einigen Staaten unter Druck gesetzt, die ihn zum Präsidenten gewählt haben. Da hat er wohl einige Versprechen abgegeben. Außerdem besitzt er zweifelsfrei mehr Sympathien für Serbien als für uns. Die FIFA würde uns sofort aufnehmen, doch sie kann nichts machen, solange wir kein UEFA-Mitglied sind.
Wie ist ihr Verhältnis zum serbischen Verband?
Es gibt einen Unterschied zwischen öffentlicher und privater Seite. Zum serbischen Verbandspräsidenten Tomislav Karadzic habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Er war Präsident von Partizan, als ich dort gespielt habe. Aber der serbische Fußballverband wird gesteuert von der Politik, die sich bis heute nicht bewegt hat. Wenn wir als Präsidenten verhandeln, ist das Verhältnis angespannt, danach reden wir wie Freunde.
Was wäre ein realistisches Ziel? In früheren Interviews sprachen Sie davon, die Qualifikation für die EM 2016 spielen zu wollen. Dafür ist es zu spät.
Das stimmt. Wir hoffen jetzt auf die WM 2018, das ist ein realistisches Ziel. Die Qualifikation beginnt 2016.
Gegen Haiti bestritt die Nationalmannschaft des Kosovo ihr erstes offizielles Länderspiel, auch wenn es um nichts ging. Wie fühlten Sie sich während der Begegnung in Mitrovica?
Obwohl ich gegen Haiti nicht selbst auf dem Platz stand, war es noch emotionaler für mich als die Länderspiele als Aktiver. Natürlich war es auch eine Ehre, damals als einziger Kosovare für Jugoslawien zu spielen, wir hatten ja nur den einen Staat. Doch nach all den Erfahrungen, die wir Kosovaren gemacht haben – Unterdrückung, Krieg, Wiederaufbau – ist es einfach großartig, das eigene Nationalteam spielen zu sehen. Das empfinden auch meine Landsleute so. Für die Menschen im Kosovo ist Fußball das Zweitwichtigste im Leben. Was das Wichtigste ist, können Sie sich denken. Für das Spiel gegen Haiti hätten wir 100.000 Karten verkaufen können.
Die deutsche Nationalmannschaft gewann neun Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die Weltmeisterschaft in der Schweiz. „Das Wunder von Bern“ versetzte ein ganzes Land in Euphorie. Braucht der Kosovo sein eigenes Fußballwunder?
Definitiv ja! Wir sind nicht nur im Sport isoliert, auch ökonomisch und politisch. Internationale Matches, die nicht nur Freundschaftsspiele sind, könnten eine Begeisterung im Land auslösen, die sich auch auf anderen Ebenen auswirken würde.
Es gibt ein Youtube-Video, das sie tanzend und klatschend auf einer Feier zeigt. Wie werden Sie feiern, wenn der Kosovo einmal sein erstes Qualifikationsspiel bestreitet?
Ich bin auch ein guter Sänger. Wenn es soweit ist, werde ich mir etwas Spezielles einfallen lassen.
Die Fragen stellte Ralf Keinath