Das Projekt eines neues Kohlekraftwerks wird schon seit Jahren kontrovers diskutiert. „Wir brauchen kein neues Kohlekraftwerk. Was wir brauchen ist die Abschaltung von Kosovo A“, sagt zum Beispiel Rinora Gojani von der Denkfabrik INDEP (Institute for Development Policy). Die Umsiedlungen sind nicht das einzige Streitthema. Ein Überblick über weitere Argumente der Kritiker und der Befürworter:
Energieeffizienz statt Neubau
Es sei zwar richtig, dass der Kosovo große Braunkohlevorkommen besitze, aber diese Braunkohle sei nicht effizient, produziere viel Asche und sei sehr nah an Pristina, wo die meisten Einwohner des Landes leben, sagt Agron Demi, Leiter der Denkfabrik GAP. „Wir sagen nicht, dass der Kosovo keinen Strom aus Kohle produzieren sollte, weil wir wissen, dass wir sonst unseren Bedarf nicht decken würden“, sagt Demi. „Wir glauben jedoch, dass ein nachgerüstetes Kosovo B, ein sofortiges Programm für mehr Energieeffizienz, die Vergabe der Lizenzen an Firmen, die in erneuerbare Energien investieren möchten und zum Teil seit drei Jahren auf eine Genehmigung warten, und die Reduzierung der Verluste genug Strom für das Land liefern würden.“ Er nennt ein Beispiel: Kosovo A liefert rund ein Drittel des Stroms des Landes. Jedes Jahr geht rund ein Drittel des insgesamt in Kosovo produzierten Stroms auf verschiedenste Art verloren: Einerseits weil das Netz zu alt ist, andererseits durch Stromdiebstahl. Jeta Xharra, die bekannteste Fernsehjournalistin des Landes, kennt die Zahlen. „Es ist nicht logisch, ein neues Kohlekraftwerk zu bauen, um diese Verluste zu füttern.“
Stromkosten, Wasserknappheit und Privatisierung
Mit dem neuen Kraftwerk, kritisiert Jeta Xharra, werde Kosovo noch mehr Probleme mit der Wasserversorgung haben. Außerdem würden die Strompreise steigen, prophezeit sie. Schon heute zahlen die Kosovaren für ihren Strom nach Berechnungen des Netzwerks KOSID durchschnittlich 52 Prozent mehr als EU-Bürger, wenn man die Kaufkraft mitberücksichtigt. Xharra kritisiert auch das Vorhaben, Kosova e Re in private Hände zu geben – bisher werden sowohl Kosovo A als auch Kosovo B vom Staat kontrolliert. Dieses Land, erklärt sie, „wird von fünfzigjährigen Männern geführt, die ein Mentalitätsproblem haben: Sie glauben, dass Kohle die Antwort für die industrielle Entwicklung ist, sie leben im vergangenen Jahrhundert“. Xharra sorgt sich auch um ihre zwei Töchter: „Ich lebe in der dreckigsten Hauptstadt Europas. Ich will nicht als eine Mutter in Erinnerung bleiben, die nichts unternommen hat, um zu vermeiden, dass auch die nächsten Generationen in der dreckigsten Hauptstadt leben.“
Die Sicht der Regierung
Je früher Kosovo A abschaltet wird, desto besser für die Umwelt – aber das Land brauche ein neues Kohlekraftwerk, um seinen Energiebedarf zu decken, sagt der Projektmanager Liridon Mavriqi. Er betont, dass die Regierung gleichzeitig plane, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2020 auf bis zu 30 Prozent zu erhöhen. Die Umsiedlungen für den Kohletagebau, versichert er, werden dieses Mal im Einklang mit den Standards der Weltbank sein, die Betroffenen werden eine angemessene Entschädigung erhalten.
Internationale Kritik
Das Projekt sorgt nicht nur im Kosovo für Diskussionen. Im April 2013 äußerte das Europäische Parlament in einem Dokument sein Bedauern darüber, dass die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung „in ihrem Entwurf des Länderstrategiepapiers beabsichtigt, neue Braunkohlekapazitäten zu unterstützen (Kosova e Re)“. Das Parlament forderte „die Kommission auf, Schritte gegen solche Vorhaben einzuleiten, da diese den Klimazielen der EU entgegenstehen.“ In den USA kritisieren einige NGOs die Obama-Regierung: Sie habe zwar einen weitgehenden Rückzug aus der Finanzierung von Kohlekraftwerken im Ausland angekündigt, beabsichtigt aber, über die amerikanische Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) den Bau von Kosova e Re zu unterstützen.
Deutschland
Die Bundesregierung habe „sich noch nicht abschließend zum Braunkohleprojekt Kosovo C positioniert“, heißt es in der Antwort auf eine kleine Anfrage der Linken. „Es liegt zurzeit kein ausgearbeiteter Projektvorschlag vor.“