Leben in Hade

Braunkohle, soweit Augen und Ohren reichen

Die Experten sagen: Hade wird umgesiedelt. Die Regierung sagt: Die Bagger werden nicht kommen. Und die Betroffenen? Sie warten. Sie können nicht anders. Besuch in einem Dorf, das einen langsamen Tod stirbt.

Der einzige Reichtum eines der ärmsten Länder in Europa beißt und sticht. Der Geruch kommt plötzlich, auf dem Weg von Obiliq nach Hade, rund zwanzig Minuten westlich von Pristina. Kaum hat man Kosovo A hinter sich gelassen, jenes monumentale Kohlekraftwerk, das mit seinen zerbrochenen Fernstern und seinen grauen Dampfwolken wie ein Relikt der industriellen Revolution wirkt; kaum taucht Kosovo B mit seinem riesigen Kühlturm auf – stockt einem auf einmal der Atem.

Copyright: Alessandro AlvianiTechnologie „Made in Germany“ für die kosovarische Braunkohle (Foto: Alessandro Alviani)
Copyright: Uli ReinhardtDer Tagebau rückt näher (Foto: Uli Reinhardt)

In Hade, einem Dorf, das zum Sterben verurteilt ist, aber schon längst ausgestorben wirkt, gibt es keinen Supermarkt, keinen Bäcker, keine Menschen in Sicht. Was es gibt: eine einzige asphaltierte Straße, an deren Rändern Müll liegt, ungepflasterte Wege, die selbst bei mäßigem Regen zu breiten Pfützen verkommen, eine Moschee am Ortseingang, einen Friedhof, eine Schule mit nur noch rund 50 Schülern, Häuser, hinter jedem ein kleiner Acker. Fast niemand hier hat Arbeit, fast jeder ein Beet: Viele bauen Gemüse und Obst zur Selbstversorgung an. Unten im Tal, stets im Blick: Kosovo A, rechts, und Kosovo B, links.

Die einzigen Geräusche, die man wahrnimmt, klingen metallisch. Das Rattern des Förderbandes für die Braunkohle. Das Klackern der Bagger, so durchdringend, als arbeiteten sie gleich um die Ecke. Tagsüber sind diese Geräusche da, nachts sind sie da. Der Tagebau rückt immer näher. Die Regierung will ihn ausweiten, um noch mehr Braunkohle abzubauen. Wie viele Menschen ihre Häuser verlassen müssen, weiß niemand so recht. Beim Umweltministerium und beim staatlichen Kraftwerks- und Tagebaubetreiber KEK (Korporata Energjetike e Kosovës) heißt es, nur ein kleines Viertel im Nachbardorf werde umgesiedelt, Hade sei nicht betroffen. In einer Studie im Auftrag von KOSID (Kosovo Civil Society Consortium for Sustainable Development), einem Netzwerk von kosovarischen Nichtregierungsorganisationen, Denkfabriken und Medien, heißt es dagegen, dass über 7000 Menschen weichen müssen – auch aus Hade. In Hade selbst weiß niemand, wie es weiter gehen wird.

Es ist 15 Uhr, draußen regnet es seit Stunden, und Ragip Grajcevci sitzt im Halbdunkel seines Wohnzimmers. „Ich arbeite für das Unternehmen, das Strom produziert, und habe selber keinen Strom“, sagt Grajcevci, der sich als Vertreter der Gemeinde Hade vorstellt und seit dreißig Jahren bei KEK angestellt ist. Er arbeitet selbst an einem der Schaufelradbagger, die sein Dorf bedrohen.

„Niemand weiß, warum KEK auf dieser Seite arbeitet“
„Die Risse sind überall“

Trinkwasser hat er nur begrenzt. Normalerweise fließt es nur zwei Stunden vormittags und zwei Stunden abends. Zum Heizen nutzt Grajcevci einen alten Holzofen. „Es gibt nichts Gutes hier: Jeden Vormittag sieht es aus wie im Nebel, alles ist mit Staub bedeckt“, erzählt der 49-Jährige. „Wir können hier nicht weiterleben, es gibt keine medizinische Einrichtung, keine Transportmittel, keine guten Straßen. Nachts, wenn es regnet, haben wir Angst, dass das Dorf wegrutscht, wir machen uns Sorgen um unsere Kinder.“ Grajcevci, der in Hade geboren ist, genauso wie sein Vater und sein Großvater, würde am liebsten sofort wegziehen. „Wir bleiben nur, weil wir keine Alternative gefunden haben.“

Vor sich hat Ragip Grajcevci einen Stapel Dokumente ausgebreitet. Es ist die Geschichte einer Täuschung – und einer Enttäuschung. Die Bewohner von Hade haben mehreren Präsidenten, Premierministern, Umweltministern geschrieben; sie wollten wissen, wann sie gehen müssen, welche Entschädigungen vorgesehen sind. Eine Antwort gab es nie. „Wir wurden betrogen, uns wurden neue Häuser, Schulen, ein Krankenhaus versprochen, aber nichts wurde eingehalten.“ Er regt sich auf: Über die Regierung und über seinen Arbeitgeber KEK, der die Gemeinde nie einbeziehe.

Die größte Sorge, sagt er zum Abschied, sei, dass noch einmal dasselbe passiere wie damals, im Jahr 2004 und 2005.